SAGE VOM UNTERSBERG
Jetzt ist es soweit und die Raben fliegen wieder
"Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen ..."lautet das Dichterwort (aus Georg Trakls "der Herbst des Einsamen").
Sehen sie das Bild hochfliegender dunkler Vögel vor Ihrem Seelenauge. Imaginieren Sie. Die schwarzen Raben erheben sich über den eingeschränkten geistigen Horizont, den unser künstlich auferzwungener Zeitbegriff uns lässt...
Zwischen Berchtesgaden und Salzburg dräut das langgezogene, schroffe und unheimliche Massiv des Untersberges. Steil fallen die hohen und gegeneinander abgesetzten Steinwände nach unten ab; ja, sie erheben sich nicht nach oben wie andere Felsmassive, sonder fallen nach unten, das gesamte Untersberg-Areal ist extrem erdend und ziehend. So manchem Bergsteiger ist ein Unglück geschehen, das nicht einmal er verschuldet hat, sondern Kräfte, die seit je hier walten.
Wer einen besonders aufwühlenden Blick haben will, der soll vom Jänner oder vom Obersalzberg herüberschauen.
Doch Vorsicht! Der Untersberg hat es seit Urzeiten "in sich" (im Wortsinne) und er ist durch spätere schwarzmagische Verehrung umso mehr aufgeladen. Die Felsen erzählen:
UNTERIRDISCHE HALLEN UND SÄLE
Zur Heidenzeit, die Zeit unserer keltischen Ahnen, da hat ein wildes und entfesseltes Zwergenvolk diesen Zauberberg ausgehöhlt. Und tatsächlich: der Untersberg ist von einem wohl niemals vollständig erforschbaren Höhlensystem durchzogen. Recht gefährliche Raum-Zeiten-Tunnel sind das, denn wer je hierhergelangt ist, für den waren Wochen Tage, Sekunden Stunden und überhaupt die Zeit eine andere. Die Sage weiß: Unterirdische Hallen und Säle dehen sich gewaltig dort in ewiger Nacht. Es fließen Zauberbronnen, wachsen verwunschene Blumen. Ein Geheimnis. Die Zu- und Abgänge befinden sich unten und nicht oben, wie viele Schatzsucher schon zu deren eigenem Verderben vermutet haben. Zwölf (!) Geistergänge führen da unten aus dem Berg hinaus oder aber in ihn hinein. Ob es ein Segen ist, die Geheimstollen zu kennen, weiß ich nicht. Denn viele, die zu neugierig waren, sind dort geblieben, bis heute.
UNTERSBERGER MARMOR
In der Mitte des Bergmassives aber findet sich ein weiter Saal, wundersam anzuschauen, mit hell gleißenden Edelsteinen an den hoch aufragenden Marmorwänden, seltene, wissend geschliffene und unbezahlbare Karfunkel, die den monumentalen Thron- und Zeiten-Umwandlungs-Saal zur Tag- und Nachtzeit sattsam beleuchten. Wer die mystisch rötliche, ins Gläsern-Rosa gehende Färbung des Untersberger Marmors kennt, mag sich die trancebildende Gesamtstimmung vorstellen.
Zeit ..! Tag- und Nachtzeit!? - Gibt es hier so wenig wie Tag und Nacht.
Dort im innersten Tempelbezirk des Ahnenwissens unserer Vorfahren thont auf mayestätischem Herrscher-Stuhle der mächtige Kaiser Karl; Karl der Große ist gemeint, von Fürsten und Großen, von Scharen, Kriegern und Getreuen umgeben.
Und seine Getreuen warten. Sie haben Zeit. Sie haben keine Zeit, deshalb haben sie Zeit!
Alte Schriften wissen: "Die glitzernde Krone auf dem Haupte und das Reichsszepter in der Rechten, so ruht er auf dem Marmorsessel."
Und der Bart! Der ruhenden Herrschers unermesslich langer Bart, durchflochten von einem kostbaren Perlenband, bedeckt das goldene Bruststück (!) seiner Kleidung und ist zu Füßen des mächtigen Alten im Berge zweimal um den Marmortisch herumgewachsen.
Der Kaiser schläft. Er harrt im Zeitenschlaf. Zeit steht still, kann warten, nur der Bart zeigt an, dass der große Schlafende neben der Ewigkeit auch in der materiellen Erdenzeit, die wir als Zeit der Geschichte kennen, harrt.
Und der wartende Herrscher sendet einen Edelknaben nach dem Geiereck, um nachzuschauen, oben denn die Raben noch den Berg umkreisen.
Ist dies der Falll, dann neigt der Alte sein Haupt, so wie er seit unendlichen Zeiten es immer wieder tun muss, lässt dann ein leises "Wehe" vernehmen und versinkt, mit all seinen Getreuen, wieder in eine lange Schlafstarre.
Aber!
Wenn eines Tages vierundzwanzig (!) Raben, - nicht mehr und nicht weniger -, den Berg umkreisen, dann!
Ja dann ist die Zeit gekommen.
DIE ZEIT IST GEKOMMEN
An der Spitze seiner Heerscharen wird der mächtige Führer aus dem Berge hervorbrechen, weil jetzt, endlich, "seine Zeit gekommen" ist.
Ab diesem ersehnten Augenblick wird Kaiser Karl - das sei aus alter Chronik zitiert, "... da Deutschland in größter Not liegt, eine blutige Schlacht schlagen auf dem Walser Felde."
Und die Prophezeihung weiß weiter, dass Kaiser Karl den Kampf mit überwältigendem Erfolg bestehen wird. Hinterher, nach gewonnener Schlacht wird der Siegreiche auf einem dreifüßigen Schimmel triumphierend davonreiten !
GEDANKEN
Der Kaiser harrt, wartet, "schläft". Er verkörpert das Ahnengedächtnis. Dies kollektive Unterbewusstsein unseres ureigenen, urkeltischen Kulturkreises, hat Zeit, unendlich Zeit sogar: weil eben es in der Zeitlosigkeit besteht. Wenn aber der "Zeit"-Punkt gekommen ist, wo sich diese ruhig abwartende Zeitlosigkeit in erlebbarer Weltenzeit manifestiert ... dann!
Und jetzt ist es soweit. Jetzt, da du diese Zeilen liest. Die Raben fliegen wieder.
Erinnere Dich ans Vorwort:
Der "Alte" der Untersberg-Sage, der da seinen langen Schlaf schläft, ... das bist Du!
"Es schläft in dir, bis Du aufwachst. Du, nur Du.
Vielleicht solltest Du des Unterberges ansichtig werden, wenn ein Jahreswechsel ansteht: Wenn sich ein Jahr (eine so genannte Zeit-Spanne!) dem Ende zuneigt, wenn vielleicht an einem eiskalten Dezembertag greller weißer Sonnenschein die unverwechselbaren Felsschroffen anstrahlt, dann regt der Zeit-Einschnitt seltsamerweise den Geist an.
Und der Geist reklamiert, korrigiert:
Wir leben doch nur in einer Kunst-Zeit, die erst mit Kalendern und Uhren in die "Zeitzeit" hineinkatapultiert wurde.
Der Untersberg ist eine Zeitenschleuse, die sagenhafte Höhle besteht wirklich und birgt heute noch einen Tempel.
Der Geist aber ist (und bleibt) zeitlos, oft wird er durch die Taube symbolisch dargestellt ... hier aber durch zwei schwarze Raben.
Warum Raben?
Glaube mir: Die wahre Zeit ist eine andere. Wir werden rund um die Uhr angeschwärzt. Sind wir wieder bei den schwarzen Raben.
